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Wie lassen sich die tagtäglichen Fragen, aber auch
tiefgehende ethische Überlebensfragen auf den Punkt und Tisch bringen,
wenn sich unser Gesellschaft zu einer Showkultur, Politainment, und Teilnahmslosigkeit
gepaart mit Selbstmitleid, Selbstbezogenheit, und Orientierungslosigkeit
zwischen Apathie und Aggression entwickelt hat? Wir wollen hier aufbauend
auf der Arbeit zu Dialog und Kreativität von David Bohm und Projekten
von Anthony Judge zu einer integralen, systemischen Agenda mit thematischen
verbundenen thematischen ”runden” Tischen, hier unsere Erfahrungen zur
“Gesprächskultur” einbringen. Dabei geht es darum zuhören zu
schenken, Stimme zu geben, und gemeinsam - ”co-kreativ” - neue Fäden
zu knüpfen, und in gemeinsames Verstehen und Aktionen umzusetzen.
Lösungswege:
Das Gespräch hat in allen Kulturen seine besonderen
Regeln. Immer gilt es eine Balance zwischen Einzel- und Gruppenstimmen
und -interessen zu finden. Idealtypisch gelöst wurde dieses Problem
in den traditionellen Kulturen der Indianer, wo bei beliebiger Zeit und
mit großer Geduld jedes Mitglied der Gemeinschaft seine Stimme erheben
und beliebig lange und in aller Tiefe sein Thema ausführen kann; auf
der anderen Seite finden wir in hierarisch organisierten Gesellschaften
den Allein-Herrscher und -Redner, der einigen wenigen das Wort erteilt
und abschneidet. Dazwischen finden wir in allen Kulturen die unterschiedlichsten
Formen das Gespräch zu fördern oder zu behindern, von der Tafelrunde
King Arthurs, über literarische Salons und Talkshows bis hin zu gesetzlich
geregelten Parteistrukturen, die dann demokratisch geregelt, das Gespräch
zur Zeremonie oder Farce verkommen lassen und damit Stoff für unzählige
Satiren liefern
In unserer Gesellschaft gilt das Wort "Gespräch"
fast schon als etwas altmodisch, geläufiger erscheint uns die Diskussion,
die erinnernd an "Perkussion" oft darin besteht, Meinungen in das Gehirn
anderer Menschen einzubleuen, vergessend, daß das wirkliche Gespräch
zwei aktive Teilnehmer verlangt, den Sprechenden und den Zuhörenden.
Es handelt sich hierbei um einen Prozeß, in dem sich die Trennung
zwischen den beiden aufhebt, schafft doch erst der Zuhörende den Raum,
in dem der Sprechende seine Ideen entwickelt, so daß eine eindeutige
Zuordnung der Urheberschaft von Ideen nicht mehr gegeben ist, die beiden
Akteure des Gesprächs schaffen sozusagen eine neue Gestalt - eine
Kunstperson – die mehr ist als die Addition der Gesprächsteilnehmer.
Eine von vielen Möglichkeiten diesen Raum zu schaffen
ist die Umsetzung der Idee von ”Rundgesprächen” in denen sich das
Gespräch durch die Vergabe von Zuhörzeit, Ermutigung symbolisiert
durch Zeiteinheiten; lebendig und transparent selbst entwickeln kann, neues
hervorbringt und die Menschen verzaubert; so werden durch die klare Ausrichtung
und Begrenzung gemeinsame Interessen und Ziele entwickelt und gefördert,
Synergien zeigen sich und zusätzlich zum “Ego und Ich” dem “Wir” Raum
gegeben.
"Die Form des freien Dialogs kann sehr gut eines
der effektivsten Möglichkeiten sein,
die Krisen zu untersuchen, denen sich die Gesellschaft
gegenübersieht.
Mehr noch, es könnte sich herausstellen,
daß diese Form des Austauschs von Ideen und
Information von fundamentaler Bedeutung ist,
um Kultur so zu verändern, daß Kreativität
freigesetzt werden kann."
David Bohm: On Dialogue
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"During the past few decades, modern technology,
with radio, television, air travels and satellites, has woven a network
of communications which puts each part of the world into almost instant
contact with all the other parts.
Yet, in spite of this worldwide system of linkages,
there is, at every moment, a general feeling that communication is breaking
down everywhere, on an unparalleled scale".
David Bohm: On Dialogue
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Das Gespräch wiederzuentdecken scheint eine der erfolgversprechensten
Methoden zu sein, eine erstarrte, verkrustete Gesellschaft wieder in Bewegung
zu bringen. Es wird auch viel über Dialog gesprochen, vom Dialog der
Kulturen, über Interdisziplinarität und Austausch in der Wissenschaften
anstelle von Abschottung und Konkurrenz, von Teambildung statt hierachischer
Befehlstruktur in der Wirtschaft. Doch innerhalb der alten, ausgetretenen
Strukturen bleiben solche Versuche, Dialog und Gespräch neu zu erfinden,
oft wieder stecken. Dies hat sicherlich viele Gründe von der Aufrechterhaltung
von Machtinteressen bis hin zu Phantasielosigkeit und Apathie. Wir
glauben, daß die Kunst und damit das Spiel uns Wege weisen kann,
wie ungewöhnliche Maßnahmen auf fremdem Terrain übertragen,
zu kreativen Lösungen führen können.
Spielregeln:
Bei der Vorgabe von einer Stunde Gesamtzeit und sieben
Gesprächsteilnehmenden werden jeweils sieben Minuten Redezeit, symbolisiert
in Form von Steinen, Nudeln, Nüssen etc. an jede Person verteilt.
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde, in der jede Person kurz sich und ihr
Anliegen skizziert, können diese Zeiteinheiten verschenkt und damit
in Zuhörzeit umgewandelt werden. In der Regel beginnt die Person,
die die meisten Zeiteinheiten bekommen hat, mit der Eröffnung des
Gesprächs, sie kann - muß aber nicht - solange reden, wie sie
Zeit zur Verfügung hat. Eine Moderatorin achtet auf Einhaltung der
Regeln und die Zeit und nimmt die Zeiteinheiten an sich, wenn diese verbraucht
sind. Hat eine Person ihre Redezeit verbraucht, also keine Zeiteinheiten
mehr vor sich liegen, können die anderen - bei Interesse - ihre eigene
Redezeit als Zuhörzeit verschenken, und so die Person ermutigen, ihr
Thema weiter zu entwickeln. Auf diese Weise bleibt das Gespräch dynamisch
und transparent - es gibt keine starren Redezeitbegrenzungen wie in üblichen
Diskussionsgruppen, sondern das Zuhören wird als aktiver Bestandteil
des Gesprächs und als besondere Qualität erkannt, da die Inhalte
das Interesse der gesamten Gruppe zu dieser Zeit und an diesem Ort symbolisieren.
Durchaus kann eine Person auch in diesem Spiel die gesamte Redezeit bekommen,
wenn sie in dem Moment zum Medium oder Katalysator der gesamten Gruppe
wird, und wenn die Teilnehmer dies wünschen. |
Rückblick und Zusammenhang
Der Wunsch Gespräche zu strukturieren, Redner auszuwählen
und Redezeit gerecht, also gleichmäßig, zu verteilen ist genauso
alt wie unbefriedigend. Doch wie die Zukunft ist auch Kreativität
und das Gespräch nicht planbar. Wie bei einer Rückschau lassen
sich zwar bekannte Beiträge einladen und wiederholen, doch es passiert
wenig Neues, wenn nicht der Dialog und das Gespräch andere und neue
Sichtweisen hervorbringen. Aufbauend auf Dialogkreisen mit Anthony Judge
aus Brüssel, wo mit der Idee, Redezeit als freien Kredit in Umlauf
zu bringen und in einer Bank zu verwalten, Gedankenexperimente durchgespielt
wurden, haben wir unsere Erfahrung und die Idee umgesetzt. Zentral ist
dabei die Vorstellung, daß Wert von Redezeit steigt, wenn jemand
sie verschenkt und damit eine andere Person bestätigt und ermutigt,
wodurch Resonnanz und Synthese im Gespräch fühlbar und sichtbar
werden.
Ein weiterer Ursprung dieser Methode liegt in politischen
Dialogen, bei denen sich Politiker, Militärs, Journalisten, Umweltschützer
und Unternehmer zur Klausur zurückziehen, um offen miteinander zu
reden, ohne befürchten zu müssen, daß am nächsten
Tag aus dem Zusammenhang gerissene Details in der Tagespresse auftauchen.
Dabei geht es darum, neue und alte Sicht- und Denkweisen kennenzulernen,
sie zu verbinden und dabei möglichst oft seine Meinung in Frage zu
stellen, vielleicht sogar bewußt in die Rolle der anderen Partei
zu schlüpfen und damit den eigenen Blick und Horizont zu erweitern.
Verantwortungstragende sind leider zu oft einsam, verbittert
und so in Ihrer Wahrnehmung eingeschränkt. Dadurch, daß sie
Öffentlichkeit als Publikum mißverstehen, schließen sie
sich selbst aus der Gemeinschaft aus; Verständnis und Mitgefühl
können sich so nicht entwickeln. Doch gerade diese sind Grundbedingungen
für Kreativität und Offenheit, die jedoch im gesellschaftlichem
und politischen Dialog oft fehlen, da ja nur vereinfachte “Plattitüden”
über den Äther im Minutentakt über den Äther kommen
können.
Aus dieser Misere resultierten Überlegungen, wie
das "Gewicht" einzelner Teilnehmer und das gemeinsame Interesse aller in
eine Balance zu bringen sind. Individuelle Interessen sollen dabei berücksichtigt,
Dauerredner und Alleinunterhalter jedoch gemäßigt werden und
so in der Gruppe aufgehen können. Das Maß dabei ist nicht Willkür
einzelner sondern das momentane transparente und sich selbst organisierende
Gruppeninteresse. Ein Schritt in diese Richtung ist Einführung einer
"Währung" von Zeit-Kretit, die als "Maß" nicht Prestige, Redegewaltigkeit,
oder Einfluß, sondern das Interesse zuhören zu wollen, wiederspiegelt.
Damit ist ein erster Schritt getan - von einem vorgebenen Dialog mit Tagesordnung
zu einem offenen Modell, das auf Überraschung, Bestätigung und
gemeinsamen Ideen basiert, und damit zur Katalyse und Synthese. Manipulationsversuche
auf der einen Seite, die Gabe packend zu reden auf der anderen Seite, stellen
sich so einer Transparenz, einer Offensichtlichkeit, worüber momentan
entsprechend der Wünsche aller gesprochen werden soll. Einmal nicht
zu Wort zu kommen oder der Wunsch die Redezeit nicht zu verschenken, sondern
selbst zu beanspruchen werden wahrgenommen. Die Gesprächskultur liegt
im Abwägen der Potentiale, dem “Empowerment” von sonst ungehörten
Stimmen, der Abschätzung von Dringlichkeiten und Wichtigkeiten, der
Angebote und der Signale, der Visualisierung von Interesse und Anteilnahme.
Da die Natur in Zeiten des Wandels neues und überraschendes
schafft, sollten wir da nicht auch Raum in Gruppen für unerwartetes,
gemeinsames und neues schaffen und gewähren, gemeinsam kreativ an
anderen Sichten und Lösungen arbeiten? |