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ENGLISH VERSION

DEN RAUM ÖFFNEN - DIE GEGENWART AUSDEHNEN

Ein Interview mit Harrison Owen, dem Wieder-Entdecker von
Open-Space

Von Farah Lenser

Harrison Owen der Erfinder von Open Space Technology war 1998 in Berlin, um dort für mehr als 100 Leute, die als Trainer und Berater europaweit arbeiten, ein spezielles Training durchzuführen. Das Seminar wurde von Michael Pannwitz organisiert. Mehr zu Harrison Owen und Open Space finden Sie unter http://www.openspaceworld.org/english/openspace.html.

Letzte Nachricht: das neue Buch von Harrison Owen "The Practice of Peace" ist unter dem Titel: "Raum für den Frieden" inzwischen auch auf Deutsch im Westkreuz Verlag erschienen.


Ort: Das Treffen fand statt in der Johannes Kirche in Berlin Lichterfelde West, eine alte Kirche, die durch ihren rund angelegten architektonischen Stil ein ideales Ambiente für einen Open Space bot. Während der Open Space sich selbst organisierend entfaltete führte Farah Lenser in dem zu der Kirche gehörenden Cafe ein Interview mit dem Wieder-Entdecker von Open Space.

Farah Lenser: Harrison, Sie sind der Initiator von „Open Space Technology“, eine offenes Moderationsverfahren, das sich großer Beliebtheit erfreut. Können Sie uns sagen, wie Sie auf diese Idee, Menschen in einem großen Kreis ohne vorher bestimmte Agenda zusammenzubringen gekommen sind?

Harrison Owen: Es war eigentlich sehr einfach: Ich hatte eine große Konferenz für 250 Leute organisiert und die Vorbereitung hatte mich ein Jahr meines Lebens gekostet. Ich war unabhängiger Berater und wurde für diese Zeit nicht bezahlt. Wir hatten ein wunderbares Treffen, alle waren zum Schluss begeistert und sagten, am meisten hätten ihnen die Kaffeepausen gefallen. Da sagte ich mir: Ich bin vielleicht ein bisschen einfältig, aber nicht blöd: „da muss es doch eine andere Art geben, um Konferenzen zu organisieren.“ Ich hatte mich bereit erklärt, auch die nächste Konferenz, die zwei Jahre später stattfinden sollte zu organisieren, aber ich sagte meinen Kollegen, ich würde es nur dann übernehmen, wenn sie mir völlig freie Hand bei der Gestaltung ließen, denn ich wollte nicht wieder ein ganzes Jahr für die Vorbereitung verlieren. Zu meiner Überraschung waren sie einverstanden und vier oder fünf Monate, bevor die nächste Konferenz stattfinden sollte, fragte ich mich, ob ich wohl noch die grundlegenden Mechanismen für eine erfolgreiche Konferenz finden würde.

Eines Abends saß ich an einer Bar und erinnerte mich an meine Zeit in West Afrika, wo ich mehrere Jahre lebte und auch daran, dass dort alles, was wichtig war, immer in einem Kreis stattfand. Wenn dort rituelle Feste gefeiert wurden, gab es nie ein Organisationskomitee und doch funktionierte alles phantastisch. Es war irgendwie magisch, und dann gibt es in Afrika natürlich auch noch die Trommeln.

Ich dachte, es könnte gut sein, in einem Kreis zu beginnen, aber einfach in einem Kreis zu sitzen ist noch nicht besonders produktiv; also müsste es etwas geben, wo die Leute, ihre Vorschläge sammelten, man braucht also eine Art schwarzes Brett. Ich war mittlerweile bei meinem zweiten Martini angelangt und so wurde die Idee geboren: „Lade die Leute ein in einem Kreis zusammen zu sitzen, kreiere eine Anliegenwand und eine Art Marktplatz.“ Und das hat funktioniert!

Farah Lenser: Dieses Prinzip des Kreises findet man in vielen ursprünglichen Kulturen. Kann es sein, dass das Zusammenkommen in einem Kreis ein natürliches fundamentales Prinzip ist, um miteinander zu reden und Konflikte zu lösen und dass wir es nicht mehr gewohnt sind, weil wir uns zu sehr an ein hierarchisches System gewöhnt haben?

Harrison Owen: Nun, ich weiß nicht, ob schon jemand eine Untersuchung darüber gemacht hat, aber die Geometrie der Kommunikation hat mich schon immer fasziniert und für mich ist es ganz klar, dass die grundlegende Form der Kommunikation der Kreis ist. Sobald Leute in einem Kreis zusammen sitzen, werden sie miteinander reden; zum Teil weil sie sich nicht ausweichen können und auch weil der Kreis keinen Anfang und kein Ende hat. Es gibt kein oben, kein unten, es gibt keine Hierarchie und jeder ist mit jedem auf gleicher Augenhöhe. Es ist interessant: wenn Leute um einen rechteckigen Tisch herumsitzen, schauen sie schnell zu dem einen oder anderen Ende, um zu sehen, wer der Verantwortliche ist und sie nehmen sofort an, dass es ihre eigene und eine andere Seite gibt. Sie befinden sich in einer Verhandlungssituation und genau das werden sie tun, miteinander verhandeln. Sitzen Leute hintereinander in einer Reihe wie in einem klassischem Treffen oder wie im Klassenzimmer, dann erzeugt das eine Art passiver Aggression. Es gibt dabei für sie nichts zu tun, es ist die klassische Machtverteilung. Wer vorne sitzt oder steht, ist der die Macht inne hat und wer auch immer auf den Stühlen sitzen mag ist offensichtlich dumm und hat keine Macht. Entweder macht man Notizen oder man wirft mit Steinen. Aber eine Kommunikation im Sinne eines echten Austauschs wird nicht stattfinden.

Die Formen, in denen wir zusammenkommen sind wichtige Vorbedingungen für Kommunikation. Es gibt natürlich Anlässe, wo es adäquat ist an einem rechteckigen Tisch zusammen zu sitzen, wenn man etwas aushandeln will. Und wenn ein Experte etwas vortragen will, kann es angemessen sein, wie in einem Klassenzimmer hintereinander zu sitzen und es gibt Zeiten, wo man Informationen austauschen oder neue Ideen entwickeln will, wo nur der Kreis die adäquate Form sein kann.

Farah Lenser: Manche Leute werden sagen: „Gut, wenn ich mit zehn bis 30 Leuten zusammenkomme, mag das ja in einem Kreis funktionieren, aber mit größeren Gruppen ist es unmöglich in einem Kreis zusammen zu sitzen.“ Gibt es nach ihren Erfahrungen zahlenmäßige Begrenzungen für einen Open Space?

Harrison Owen: Es gibt Begrenzungen, aber diese sind weniger restriktiv, als man annehmen möchte. Die kleinste Gruppe, mit der ich in einem Open Space gearbeitet habe umfasste 5 Leute und die größte Gruppe mehr als 750 Leute, aber ich habe Kollegen, die schon mit mehr als 1000 Leuten gearbeitet haben. Wir fangen immer in einem Kreis an, aber wenn es sehr viele Leute sind, dann bilden wir konzentrische Kreise. Es ist dann immer noch ein Kreis und man hat das Gefühl, dass man alle Leute sehen kann, außer denen, die direkt vor mir oder hinter mir sitzen. Es gibt also nicht wirklich eine Begrenzung.

Neben dem Open Space im realen Raum kann es auch einen im elektronischen Raum geben und wenn wir die beiden Räume miteinander ergänzen, dann gibt es kaum noch Begrenzungen. So könnte man ohne Probleme 5000 Leute in einem Open Space zusammenbringen: ein realer Open Space könnte in einem Gebäude in New York, ein anderer in Paris, Stockholm, San Francisco oder wo auch immer stattfinden – sagen wir mit je 500 Leuten - und diese könnten wiederum elektronisch miteinander kommunizieren. Also ich rede nicht von Videokonferenzen, sondern von ganz normaler elektronischer Kommunikation. In der Theorie gibt es also wirklich keine Begrenzung für die Anzahl von Menschen, die in einem Open Space zusammen kommen können.

Farah Lenser: Eigentlich ist es überraschend, dass Open Space funktioniert; viele Leute fragen sich, wie das gehen soll, ohne Plan, ohne Tagesordnung und Programm, zu einer Konferenz einzuladen. Sie vertrauen einfach auf die Selbstorganisation. Gibt es eine Theorie oder Philosophie, die dieses Phänomen erklären kann?

Harrison Owen: Ich glaube Open Space ist absolut intuitiv, nur unsere rationale Erwartung ist verdreht. Wir alle meinen zu wissen: wenn man 500 fremde Leute zusammenbringt, ohne dass es ein bestimmtes Setting oder Programm gibt und ohne oder höchstens mit einem Moderator, dann gibt es ein totales Desaster. Wir haben auf der ganzen Welt Erfahrungen mit Open Space gesammelt, da gibt es tausende von Beispielen mit allen möglichen Gruppen von Managern großer Organisationen bis hin zu Dorfbewohnern in Stammesgesellschaften und alles, was dazwischen existiert. Die Erfahrung ist, dass sie in weniger als einer Stunde wissen, worüber sie reden wollen und dass sie die Arbeitsbedingungen selbst organisieren. Dazu braucht es nur einen Moderator und dieser wird niemals in die Diskussion intervenieren und es wird keine Probleme geben. Auch in sehr konfliktreichen Umgebungen, wie wir sie in Südafrika mit den Zulu und Haussa hatten, hat die Selbstorganisation funktioniert.

Es stellt sich natürlich die Frage, die Sie auch gestellt haben: „wie kann das bloß funktionieren, da wir alle denken, das sei doch unmöglich.“

Ich denke, dass die Antwort wahrscheinlich vielfältig ist, aber der Schlüssel zum Verständnis, warum es so gut läuft ist das Phänomen der Selbstorganisation. Wir wissen von der Chaos Theorie, dass es mitten in der zufälligen Unordnung ein Muster gibt.

Uns wird mehr und mehr bewusst – für lange Zeit galt dies als esoterisches Wissen – dass die Unterscheidung, die wir zwischen Ordnung und Unordnung machen, nämlich sie als zwei voneinander getrennte Sphären zu betrachten nicht zu halten ist. In jedem Moment der uns erscheinenden Ordnung, gibt es immer auch eine Öffnung in Richtung auf Unordnung hin und in dem, was uns als

Unordnung erscheint, gibt es eine Tendenz zur Ordnung oder zu einem Muster.

Einer der bekannten Forscher auf diesem Gebiet ist Stuard Kaufman, der das Buch „At home in the Universe“ schrieb. Steward ist theoretischer Biologe, aber was er im Laufe der Jahre entdeckt hat ist folgendes: wenn vier oder fünf Bedingungen erfüllt sind, dann entsteht Ordnung von ganz allein. Die Bedingungen dafür sind: eine sichere Umgebung und eine hohe Komplexität von unterschiedlichen Elementen, sowie ein großes Potential von Komplexität in Bezug auf ihre mögliche innere Beziehung und eine Bewegung hin zu einer Verbesserung – es ist nicht einfach zu erklären, da Steward mit Molekülen arbeitet. Der kritische Moment ist, dass sich das alles am Rande des Chaos bewegt. Nach Stewards Erfahrung – und ich glaube ihm, nachdem was ich mit Open Space erlebt habe – erscheint Ordnung auch auf einem sehr komplexen Niveau – menschliche Wesen eingeschlossen – wenn diese Grundprinzipien vorhanden sind.

Ich denke, das ist es, was in Open Space passiert. Jahre bevor ich Stewards Theorien entdeckt habe, habe ich versucht die Funktionsweise von Open Space Technology zu erklären, indem ich sagte: Open Space funktioniert in einer Situation, die sowohl von einer hohen Komplexität der Anliegen als auch einer hohen Komplexität auf der Seite der Teilnehmer geprägt ist, sowie die mögliche Präsenz eines echten Konfliktes, wo schon gestern eine Entscheidung nötig gewesen wäre. Man kann das nicht eins zu eins mit den Bedingungen der Selbstorganisation in biologischen Systemen gleichsetzten, aber es scheint da einen Zusammenhang zu geben.

Farah Lenser: Die letzten Jahre ist die Methode des Open Space sehr populär geworden. Kann es sein, dass diese Methode gerade jetzt gut in unsere Zeit passt, die wir mehr und mehr als chaotisch wahrnehmen.

Harrison Owen: Ich denke auf einem bestimmten Level ist das richtig. Aber ich würde sagen, dass es Open Space schon immer gab, es gab nie eine Zeit, wo die Dinge anders funktioniert hätten. Die Organisationstheorie unterscheidet zwischen formaler Organisation, die strukturiert und plant und informeller Organisation. Lange Zeit versuchten die Leute, an der Spitze von Hierarchien die informelle Organisation zu unterbinden, weil sie nicht zu kontrollieren ist. Sie wollten nicht, dass jeder mit jedem redet, Kommunikation sollte nur in bestimmten Kanälen stattfinden. Ich persönlich glaube nicht, dass das sehr nützlich ist, aber das ist meine Meinung. Die informelle Organisation ist in der Tat das sich selbst organisierende System.

Farah Lenser: Welches der beiden Systeme, das formelle oder das informelle funktioniert besser?

Harrison Owen: Das hängt natürlich davon ab, wen man fragt und wo man ihn fragt. Wenn man den Direktor oder Manager eines Unternehmens fragt, wird er schon aus Gründen des Ego sagen, dass die formelle Organisation funktioniert, denn dass ist die Art und Weise, wie sie arbeiten.

Wenn man jemand anderen fragt, wird er vielleicht zugeben, dass sich niemand wirklich um die formelle Organisation schert, und wenn sie es täten, würde nichts passieren. Die eigentliche Art, wie etwas geschieht ist, dass du Herbert oder Susi anrufst oder dass du mit jemandem ein Bier trinken gehst. Ich sage nicht, dass jede formelle Organisation schlecht ist, ich erwäge aber ernsthaft, sie für überflüssig zu halten.

Wenn die Aussage von Steward Kaufman stimmt, dass der Prozess der Selbstorganisation nicht nur als theoretische Möglichkeit, sondern als tägliche Realität stattfindet dann bedeutet es, dass die meiste Mühe und die Zeit, die wir damit verbringen, Dinge zu organisieren eine fundamentale Zeitverschwendung sind. Wenn wir stattdessen einfach den Vorbedingungen der Selbstorganisation erlauben würden zum Vorschein zu kommen und diesen Prozess dann unterstützten, würden wir viel Zeit und Mühe sparen.

Die interessante Frage ist: „warum passiert das gerade jetzt?“ – und das war der zweite Teil Ihrer Frage. Ich vermute, es ist so wie Sie bereits vorgeschlagen haben.

Die Art und Weise, wie wir bisher versucht haben unser Leben zu organisieren, ob nun im Geschäft, in einem Land, einer Kirche oder was auch immer wird nicht mehr funktionieren. Nicht, dass unsere Systeme, die wir entwickelt haben, unbedingt schlecht sind, aber sie wurden entwickelt zu einer Zeit und für eine Zeit, in der alles viel langsamer ablief als heute.

Wenn vor 50 oder 100 Jahren etwas passierte, hat es vielleicht ein Jahr gedauert, bis man davon erfuhr und ein weiteres Jahr, um darauf zu reagieren. Wir hatten Unternehmen, die sehr bequem mit einem Zweijahresrahmen arbeiten konnten. Jetzt leben wir in einer Welt, die sich mit der Geschwindigkeit von Nanosekunden bewegt. Wir geraten außer Atem, wenn wir versuchen da mitzuhalten. Wir werden mehr und mehr gewahr, dass wir gezwungen werden uns intuitiven Kräften gegenüber zu öffnen, die wir schon vorher hatten. Es geht also mehr darum etwas zu erinnern, als darum etwas Neues zu entwickeln.

Farah Lenser: Zu formeller und informeller Organisation fällt mir ein, dass unsere formale Geschäfts- und Regierungswelt immer noch mehr von Männern geleitet wird, während die informelle Gesellschaft in der Reproduktionssphäre mehr von Frauen organisiert wird. Gestern, als Sie versucht haben den Prozess von Open Space zu erklären haben Sie sich auf Symbole bezogen wie den Uterus der Frau oder den Prozess des Gebärens. Der Kreis und mehr noch die dreidimensionale Form des Kreises, nämlich die Spirale taucht oft als ein Symbol der matriarchalen Gesellschaft auf. Wir wissen, dass die Spiralform, die wir auch im kosmischen Milchstraßensystem erkennen, die Fähigkeit besitzt, die Unordnung, das Chaos zu ordnen, d.h. man könnte die Spirale als ein Symbol für Selbstorganisation nehmen oder wir könnten auch sagen dass die Dynamik der Spirale den Prozess der Entropie stoppt. Kann man auch sagen, dass es Frauen leichter fällt, einen Open Space zu organisieren?

Harrison Owen: Es ist eine historische Tatsache, dass es Frauen anscheinend leichter fällt einen Open Space zu begleiten. Es gibt mehr Frauen als Männer, die mit der Methode der Open Space Technology arbeiten. Aber ich glaube nicht wirklich, dass es gender-spezifisch ist, das ying und yang ist ausgeglichen. Im Open Space kann man mit weiblichen und männlichen Energien arbeiten ohne sie gegeneinander auszuspielen. Zum Beispiel gibt es zu Beginn eines Open Space das Ritual dass ich den Kreis der Teilnehmer abschreite, das ist eine weibliche Bewegung. Es ist eine Beschreibung der Öffnung der Gebärmutter, der Öffnung einer Sphäre. Bei der nächsten Bewegung gehe ich in die Mitte des Kreises und sage: „hier sind die Pläne, um unseren Planeten Erde“ zu retten. Dann werden meine Hand- und Körperbewegungen mehr von einer männlichen Energie geprägt. Am Anfang, wenn ich anfange im Kreis herumzugehen, sind meine Hände weit geöffnet und wenn ich dann ins Zentrum des Kreises gehe, machen meine Hände mehr bestimmende Bewegungen.

Für Frauen gilt natürlich das gleiche. Es ist eine gute Gelegenheit männliche und weibliche Energien zu beobachten, unabhängig davon welchem Geschlecht man angehört. Menschliche Systeme können nicht existieren, wenn es keine Ausgeglichenheit zwischen männlichen und weiblichen Energien gäbe.

Farah Lenser: Sie arbeiten auch in großen Unternehmen, ist das nicht schwierig, da diese doch in Regel hierarchisch organisiert sind; wird da ein solches Verfahren überhaupt akzeptiert?

Harrison Owen: Ich arbeite mit allen möglichen Leuten: mit großen Regierungs- wie Nichtregierungsorganisationen, mit städtischen Gemeinden und mit Selbsthilfegruppen, aber sie haben nach den Unternehmen gefragt.

Die Antwort ist: „Ja, sie akzeptieren es.“ Da stellt sich die Frage: „Warum?“ „Akzeptieren Sie es alle? –„Nein!“ Eines der kritischen Dinge in einer Open Space Umgebung ist es, zu akzeptieren, dass nicht eine bestimmte Person verantwortlich ist. Es eine Tatsache der Selbstorganisation, dass jeder und jede verantwortlich ist. Wenn man dann in einer Unternehmensumgebung ist, wo nur der Geschäftsführer oder der Präsident Ideen haben darf und alles zu jeder Zeit unter Kontrolle halten will, dann wirkt die Idee eines Open Space eher irritierend.

Aber es gibt zwei Gründe, warum sie dennoch Interesse zeigen; einmal, wenn sie verzweifelt sind. Dafür kann es wiederum zwei Gründe geben: einen unangenehmen und einen angenehmen Grund. Entweder ist man verzweifelt, weil man bankrott geht oder du hast eine super Idee und bloß zwei Wochen Zeit, um damit auf den Markt zu gehen, bevor die Konkurrenz dir zuvor kommt.

Unter solchen Umständen wissen die Leute oft nicht, was sie tun sollen und dann sage ich oft zu ihnen: „Benutzt niemals die Methode des Open Space, wenn ihr genau wisst, was ihr tun wollt! Wenn du schon entwickelt hast, was zu tun ist, dann fang einfach an. Wenn dir Optionen fehlen, dann sprich mit mir oder lies ein Buch und mach es selbst.“ Ich denke am Anfang sind es solche Gründe, die einen Unternehmer bewegen, einen Open Space zu akzeptieren. Der andere wichtige Grund, sich für einen Open Space zu entscheiden ist, dass die Methode einfach effizient ist. Ich hatte zum Beispiel das Privileg zusammen mit einem Entwicklungsteam an einem Millionen Dollar Projekt zu arbeiten. Sie wussten, das würde sie 10 Monate Arbeit kosten. Wir haben es dann in 2 Tagen hingekriegt. Wenn du effektiv in 2 Tagen eine Aufgabe erledigen kannst, die sonst 10 Monate in Anspruch nehmen würde, wird das ein guter Grund sein eine solche Methode zu akzeptieren. Zum anderen haben die Leute immer weniger Zeit für das, was zu erledigen ist. In den letzten Jahren habe ich immer wieder zu Unternehmern gesagt: „Sie können entweder die Illusion Aufrecht erhalten, die Kontrolle zu haben oder Sie können Geld verdienen. Sie haben die Wahl!“ Nichts auf der Welt ist weniger effizient als ein zentral kontrolliertes hierarchisch organisiertes System. Es ist einfach dumm!

Farah Lenser: Glauben Sie, dass es möglich ist, Menschen zu manipulieren, indem ein Unternehmen die Leute zu einem Open Space einlädt, um ihnen vorzugaukeln, sie beteiligen zu wollen, aber in Wirklichkeit sind sie nicht wirklich an der Partizipation aller interessiert?

Harrison Owen: So etwas ist immer möglich, aber das interessante ist, dass der Prozess des Open Space sich selbst korrigiert. In der Situation, wo jemand sich so verhält, wie Sie es gerade beschrieben haben, wird zum Schluss jeder frustriert sein und die Situation wird sich noch verschlimmern, wenn das Unternehmen nichts unternimmt, um die Vorschläge, die entwickelt wurden, umzusetzen.

Ich habe oft erlebt, dass alle an einem Unternehmen Beteiligten von dem Open Space begeistert waren außer einigen weinigen. Die wenigen, die nicht zufrieden sind, sind meist genau die, die meinen, für alles verantwortlich zu sein, und die mögen dann sagen: „Nie wieder einen Open Space!“ Interessant ist , dass wir dann 2 oder 3 oder auch 5 Jahre später wieder gerufen werden, um dort einen Open Space zu organisieren. Der open space entwickelt ein Eigenleben. Ich sage oft: es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht bezüglich Open Space. Die gute ist: „es funktioniert,“ die schlechte ist: „es funktioniert.“ In einem Open Space werden die Leute enthusiastisch, sie fühlen sich verantwortlich und entwickeln Selbstvertrauen, sie werden aktiv. Wer nicht will, dass das passiert, der mache keinen Open Space.

Farah Lenser: Würden Sie Open Space als einen Prozess beschreiben, der den Leuten hilft, in ihre Kraft zu kommen, wir sprechen heute gerne von Empowerment?

Harrison Owen: Das ist sicher der Effekt, aber ich mag den Begriff „empower“ nicht so gerne. Denn es ist einfacher: es geht darum, die Zwänge, die Leute behindern zu beseitigen, so dass sie die Kräfte entdecken können, die sie sowieso schon immer hatten. In der Tat; wenn ich sage: „ich ermächtige dich“ dann bist du in meiner Macht. Es ist aber mehr ein Prozess der Selbsterfahrung. Das wird auch sehr klar in einer Open Space Umgebung. Da gibt es einen Moderator oder besser Begleiter, den man nur in den ersten 15 Minuten sieht. In den meisten anderen Großgruppenverfahren gibt es einen Moderator, der die ganze Zeit mit den Leuten arbeitet.

Wenn ich persönlich einen Open Space begleite, dann brauche ich 15 Minuten, um zu erklären, worum es geht und weitere 25 oder 30 Minuten brauchen die Teilnehmer, um herauszufinden, was sie tun wollen. Von diesem Punkt an, gibt es für mich nichts weiter zu tun – zumindest von einen zu beobachteten Standpunkt aus.

Meistens ziehe ich mich dann zurück und mache einen kleinen Erholungsschlaf. Das ist wirklich sehr verschieden zu all diesen Prozessen, die wir kennen, wo ein Moderator acht Stunden vor dem Publikum agiert und am Ende des Tages erschöpft ist, während ich mich erholt habe.

Farah Lenser: So wie jetzt, wir sitzen hier unten im Cafe für ein Interview, nachdem Sie gerade oben den Open Space eröffnet haben.

Harrison Owen: Die Leute werden hoffentlich ihren Spaß haben und abgesehen von der Tatsache, dass ich einen guten Schlaf habe, gibt es auch einige praktische Gründe, warum ich mich zurückziehe.

In dem Moment, wo die Gruppe startet, ist es nicht nur so, dass sie mich nicht mehr brauchen, ich würde sie mit meiner Anwesenheit sogar behindern, weil dann einige kommen werden, um mich zu fragen, was sie tun sollen oder ähnliches. Ich würde aber nicht sehr hilfreich sein können, möchte aber auch nicht unhöflich erscheinen. Je eher sie merken, dass sie selbst verantwortlich sind, individuell und auch kollektiv, desto besser werden die Ergebnisse sein. Und wenn ich nicht da bin, können sie mich auch nicht fragen.

Farah Lenser: Es gibt da einige Grundsätze, die der Begleiter der Gruppe erklärt. Wie kann ich selbst lernen, einen Open Space durchzuführen?

Harrison Owen: Da gibt es zwei Antworten: die eine ist: „es ist sehr einfach.“ Sie kennen die Grundsätze und Sie haben es auch schon selbst gemacht. Bevor wir das Interview begonnen haben, haben sie mir erzählt, dass sie etwas Ähnliches machen, aber es nicht Open Space nennen. Nun ich denke, jeder macht das. Es ist also keine sehr komplizierte Sache einen Open Space zu begleiten. Ich habe schon Leute gesehen, die haben einen Open Space mitgemacht und dann selbst einen initiiert. Ich habe ein Buch geschrieben:“ Open Space Technology“. Es ist ein Benutzerhandbuch. Die meisten Leute, die weltweit Open Space anwenden, haben das Buch gelesen und dann einen Open Space veranstaltet. Ich denke, genauso fängt man damit an. In dem Buch werden aber auch noch andere Fragen behandelt, nämlich. „was macht man nach dem Open Space?“ Diese Frage behandeln wir in einem Trainingsprogramm, aber in der Tat, um einen Open Space zu begleiten, brauchst du zwei Dinge, einen guten Kopf und ein gutes Herz und du solltest gut für dich selbst sorgen.

Farah Lenser: In einigen Artikeln erwähnen Sie die Bedeutung des Jetzt und die Bedeutung des Geistes (The Now and the Spirit). Können Sie das näher erläutern?

Harrison Owen: Das Jetzt oder das Gegenwärtige ist für mich eine Art Bild, worum es beim Open Space geht. Man kann diesen Zusammenhang sehr kompliziert oder sehr einfach darstellen. Ich mag es einfach: „was ist das Jetzt?“ – „Die Vergangenheit ist vorbei; die Zukunft findet noch nicht statt.“

Viele Leute haben ein schlankes, ein sehr dünnes Jetzt; das Problem mit einem schlanken Jetzt ist, dass es nie genug Zeit gibt; diese Leute sind sehr schnell genervt und überfordert.

Andere Leute haben ein sehr großes Jetzt, sie vermitteln den Eindruck, als hätten sie immer genug Zeit für alles, auch wenn es sehr viel zu tun gibt, bleiben sie entspannt.

Meine Erfahrung mit Open Space ist, dass wir das Jetzt vergrößern; es gibt genug Zeit und Raum, um Dinge zu erledigen. Erinnern Sie sich an die Geschichte, die vorhin erzählt habe: das Entwicklungsteam, das eine Arbeit, für die sie sonst 10 Monate brauchen in 2 Tagen erledigt haben; das nenne ich ein sehr großes Jetzt.

Die Betonung des Jetzt des Gegenwärtigen ist Teil jeder esoterischen Tradition, die ich kenne, was mich zu der sehr interessanten Idee einer Verbindung von Open Space und dem ganzen Bereich des Spirituellen! bringt.

Wenn wir einen Raum öffnen, dann zeigt sich der Geist fast automatisch, ob ich dabei an einen Teamgeist denke, der zwischen Fußballspielern entsteht oder an ein kosmisches Bewusstsein ist egal. Sobald du einen Open Space eröffnest, gibt es beeindruckende Resultate.

Nach einem Open Space sagen Leute oft: „es war inspirierend.“ Nun Inspiration bedeutet buchstäblich: be-geist-ern. Der Geist ist da, es nicht so, dass Du den Geist hineinbringst, der Geist ist präsent ist und Du räumst einfach ein paar Hindernisse beiseite, die ihn hindern könnten sich zu zeigen.

Aber ich will mit meinen Bemerkungen den Open Space nicht zu einem esoterischen New Age Kult machen, ich glaube nur, dass wir mit diesen einfachen Mitteln sehr viel darüber lernen können, wie Organisationen funktionieren und wie Menschen involviert werden können. Verstehen können wir das mit Hilfe der Erkenntnisse der Chaostheorie, der Komplexitätstheorie und den Prinzipien der Selbstorganisation und auch damit erklären, was Menschen in den esoterischen Bereichen entdeckt haben. Im Open Space entsteht etwas, was ich vielleicht ein kollektives Bewusstsein nennen würde; es ist nicht nur Gruppendenken, sondern es scheint, als ob in der Gruppe etwas sehr Kraftvolles anfängt unbeabsichtigt zu fließen.

Es ist ein sehr auffallendes Phänomen, dass plötzlich gänzlich fremde Menschen zu positiven Aktionen kommen, ohne dass jemand die Führung übernimmt und es geschieht mit Freude.

Farah Lenser: Wahrscheinlich haben sie von dem Physiker David Bohm gehört, der das bekannte Buch über die implizite Ordnung geschrieben hat. In seinen späteren Jahren hat er mit großen Dialoggruppen experimentiert, weil er davon überzeugt war, dass die Menschen die wirklich ernsten Probleme dieser Welt nur dann werden lösen werden, wenn sie in einen wirklichen Dialog miteinander treten. Er machte dabei sehr klar, dass ein wirklich freier Dialog nichts mit der Art von Diskussion zu tun hat, die wir gewohnt sind, wo Leute oft verbissen für ihre Sicht der Dinge kämpfen. In seinen freien Dialoggruppen kamen oft mehr als 50 Leute zusammen, die frei miteinander redeten - über alles, was ihnen so gerade in den Sinn kam, auch wenn es oberflächlich gesehen, erst einmal nichts mit dem Thema zu tun hatte. Bohm berichtete, dass nach einer Weile eine Atmosphäre entstand, wo der Geist durch das Wort sich offenbarte, was auch die eigentliche Bedeutung des griechischen Wortes Dialog ist. In dem Moment so glaubte er - kann eine einzelne Person, mit dem, was sie sagt zu einer Art Medium für die ganze Gruppe werden.

Harrison Owen: Das ist sicher eine Open Space Erfahrung und natürlich entwickelte sich die ganze Forschung rund um Dialog ausgehend von Bohms Arbeiten. Open Space Zusammenkünfte sind eine Form des intensiven Zuhörens.

Es gibt eine Menge Trainingsprogramme, wo Leute lernen sollen, effektiv in Teams zusammenzuarbeiten oder zu lernen Führungsqualitäten zu entwickeln oder ähnliches. Das alles sind Erscheinungen, die in einer Open Space Umgebung spontan auftauchen, nicht als Resultat einer bestimmten Methode, sondern als Ergebnis von sich selbst organisierenden Systemen, die sich auf der menschlichen Ebene durch Dialog entwickeln. Menschen manifestieren Führungsqualitäten, wenn es notwendig erscheint oder sie erfahren sich als eine Gemeinschaft. Auf eine geheimnisvolle Art und Weise entwickeln sich spontan all diese Dinge, die man Gemeinschafts- und Teambildung, Gesprächsbereitschaft, Empowerment oder Führungsqualitäten nennt, und zwar ohne dass sie vorher trainiert oder auch nur erwähnt wurden.

Diese idealen Zustände, auf die wir hoffen, sind natürliche Phänomene, die auftauchen, wenn man die Vorbedingungen schafft, die für eine Selbstorganisation notwendig sind. Ich würde das Wort Lernen als ein Codewort für komplexe Systeme einfügen - Steward Kaufman und die übrigen am Santa Fé Institut nennen es ein komplexes adaptives System – also adaptieren heißt lernen. Damit schlagen sie vor, ein natürlich entstehendes sich selbst organisierendes System als ein lernendes System zu betrachten und ich würde hinzufügen, dass man eine Organisation von der Definition her als lernendes System ansehen kann. Es geht also nicht darum ein neues System zu entwickeln oder etwas grundlegend Neues in ein System hineinzubringen, sondern es ist mehr eine Frage der Anerkennung von dem, was wirklich existiert.

Farah Lenser: Harrison, danke für dieses lange und sehr interessante Interview.